Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung
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Corona bei „Westfleisch“ in Coesfeld – Interview mit Pfarrer Kossen in den Westfälischen Nachrichten

Schon seit Wochen warnt er eindringlich vor massenweisen Corona-Infizierungen von osteuropäischen Arbeitsmigranten in Großbetrieben. Und dass Peter Kossen, Pfarrer in Lengerich, damit Recht behalten sollte, hat sich nun mit dem Corona-Ausbruch unter den Beschäftigten bei Westfleisch gezeigt. Aktuell sind über 200* von rund 1200 Mitarbeitern bei Westfleisch positiv auf das Coronavirus getestet. In Coesfeld hat Kossen, der sich als Sozialpfarrer jahrelang für besseren Schutz von Arbeitsmigranten einsetzt, deshalb am Wochenende eine Mahnwache mit dringlichen Appellen gehalten. Das Redaktionsmitglied Leon Seyock der Westfälischen Nachrichten hat vor den Toren von Westfleisch mit Kossen darüber gesprochen.
(* Aktualisierter Stand am 15.05.2020, 08:00 Uhr: 268 Infizierte)

Herr Kossen, am Freitag hat der Landrat das Fleischzentrum in Coesfeld geschlossen. Wie bewerten Sie den Schritt?

Natürlich war es richtig und wichtig, dass Gesundheitsminister Laumann Druck gemacht und der Landrat die Einstellung des Betriebes verordnet hat. Auch wenn sicherlich viel Mut dazugehört, einen Betrieb dieser Größe zu schließen, kam dieser Schritt viel zu spät. Das hätte schon passieren müssen, als die ersten Symptome einer Infektion unter Arbeitern bekannt wurden.

Wer hat aus Ihrer Sicht versagt, sodass es zu solch einer Ausbreitung unter den Beschäftigten kommen konnte?

Westfleisch selbst hätte viel früher seiner Verantwortung bewusst sein müssen. Der Betrieb wirbt mit Nähe zu Bauern – von Solidarität kann in diesem Fall aber nicht die Rede sein. Nicht nur der Betrieb, sondern die Gesellschaft als Ganzes hat hier versagt. Den Preis für billiges Fleisch und billige Wurst zahlen die Arbeitsmigranten mit ihrer Gesundheit. Viele schauen darüber hinweg, und jetzt haben wir das Ergebnis. In diesem Fall ist aber auch der Gesetzgeber gefragt, der den Rahmen von Vertrags- und Leiharbeit dringend einschränken muss. Denn keiner fühlt sich zuständig für die Arbeiter. Das muss klar geregelt sein.

Pfarrer Kossen demonstriert bei Westfleisch

Bild: WN

In welcher Situation befinden sich die Leiharbeiter und Arbeitsmigranten?

Personaldienstleister, durch die ein Großteil der Beschäftigten bei Westfleisch angestellt ist, öffnen die Tore zum Menschenhandel und grenzen an moderne Sklaverei. 60 Stunden Arbeit an sechs Tagen in der Woche sind keine Seltenheit. Auch die Transportwege sind infrage zu stellen; in vollen Bussen werden die Arbeiter zu und von der Arbeitsstelle gekarrt. Zudem kommt, dass sie mit zu vielen Personen in einer Wohnung untergebracht sind. In zahlreichen Bereichen gibt es Verstöße gegen geltende Gesetze, auch gegen die aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen. Die Arbeitsmigranten ertragen viel und nehmen die schlechten Situationen auf sich, weil für einen Klageweg das Geld fehlt und sie sich nicht zu helfen wissen. In Fällen einer Pandemie, wie wir sie jetzt haben, sind sie deshalb besonders anfällig für Ansteckungen.

Was sind Ihre konkreten Forderungen, um diese schlechten Bedingungen zu verbessern?

Bei den Wohnverhältnissen ganz klar: eine Person – ein Raum. Diese Regel ist unbedingt einzuhalten. Es muss überprüft werden, ob umliegende Hotels freie Kapazitäten haben. Auch der soziale Wohnungsbau ist ein Thema, das verfolgt werden muss. Besonders prekär wird es, wenn die Familien der Leiharbeiter aus Osteuropa nachziehen. Ich kenne Leute, die seit zehn Jahren bei Westfleisch beschäftigt sind, aber keine Chance haben, Deutsch zu lernen. Durch die unwürdigen Arbeits- und Wohnverhältnisse fehlt ihnen die Regeneration und die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu erleben. Dadurch wird eine Subkultur geschaffen, die es nicht geben darf.

In ganz NRW werden nun Massentests in der Fleischindustrie durchgeführt. Wie sehen Sie den Ergebnissen entgegen?

Ich bin überzeugt davon, dass die Fälle in Coesfeld nur der Anfang sind. Es wird noch viel mehr Leute treffen, unter denen es auch Tote geben wird. Es muss genau überlegt werden, wie mit diesen Testergebnissen umgegangen wird und welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Arbeiter zu schützen. Was auf keinen Fall passieren darf, ist, dass Opfer zu Tätern gemacht werden. Das ist besonders schlimm und geht meist sehr schnell.

Quelle: https://www.wn.de/Muensterland/4198968-Interview-mit-Pfarrer-Peter-Kossen-Mahnwache-bei-Westfleisch-Faelle-in-Coesfeld-sind-erst-der-Anfang

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